CORD MEIJERING COMPOSER

"No man ever steps in the same river twice" (Heraclitus)

CORD MEIJERING
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ROTFÄRBUNG DES FLUSSES
composed in
1990

duration
approx. 30 min. 05 sec.

dedicated to
no dedication

first performance
may 13, 1990
Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Germany
Ensemble PHORMINX Darmstadt
Claudia Schmidt, soprano
Thomas Löffler, clarinet
Wolfgang Lessing, violoncello
Friederike Richter, piano

publisher
EDITION MEIJERING

program notes (german)
Im Dezember 1989 erhielt ich von der Beuys-Werkstatt Darmstadt den Auftrag, eine Komposition zu deren Gründungsveranstaltung zu komponieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Beuys-Block des Hessischen Landesmuseums für mich ein häufiges Ziel am Ende eines längeren Spaziergans, eine immer wieder gesuchte Atmosphäre, die im Gedächtnis blieb, ohne dass ich „intellektuell“ Zugang gefunden hatte. Der Vorschlag, zu dieser Ausstellung eine Musik zu erfinden, brachte mir einerseits die Gelegenheit zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Beuysschen Schaffen, andererseits stellte er mich vor das Problem, meine Beziehung zu seinen Arbeiten, die mir bislang selbst ziemlich unklar war, zu erforschen und zu artikulieren. Die zur Verfügung stehende Zeit war knapp, sodass ich darum bat, möglichst bald Genaueres über die geplante Veranstaltung zu erfahren um mit der Arbeit beginnen zu können. Mir kam die Idee, die Musik in den Ausstellungsräumen zu komponieren. Ich vertraute der Aussagekraft der Objekte weitaus mehr als den Deutungen und Kommentaren der Sekundärliteratur.

Herr Schott vom Landesmuseum war so freundlich, mir alles zu ermöglichen. Er stellte einen Arbeitstisch auf, besorgte Literatur und zeigte mir einige Videofilme über Joseph Beuys.

In den ersten Januartagen ging ich dann ins Museum, gespannt darauf, wie sich alles gestalten würde. Es war ein wunderbarer Arbeitsplatz: ein großer Raum mit wandhohen Fenstern, einem Ausblick auf Kinderspielplatz im Herrengarten, rechts des Tisches lag der tonnenschwere „Fond 0 + Eisenplatte“ direkt im Blickfeld stand die Vitrine mit dem „Fettstuhl, weiter hinten Val“, „Bergkönig“ („Tunnel“), „zwei Planeten“, „Jungfrau“, „Pythia“ („Sibylla“), die „Hörner“ und das „Doppelaggregat“. Im Laufe des Januar wurden mir all diese Objekte vertraut wie Einrichtungsgegenstände. Ich studierte sie nicht im analytischen Sinne - dennoch kannte ich sie - so wie man einen Stuhl kennt, auf dem man täglich sitzt: Man benutzt ihn, sieht ihn täglich, betrachtet ihn jedoch nicht in der Weise wie man ein Kunstwerk betrachtet. In diesem „absichtslosen“ Umgang mit den Objekten verloren die Gegenstände schon bald Ihre vordergründige Bedeutung (Stuhl, Fett, Wurst, Filz) und ihre eigentliche Form trat hervor. Mir wurde klar, dass all diese Dinge im herkömmlichen Sinne gestaltet sind - genauso wie z. B. ein Kupferstich von Albrecht Dürer oder jedes beliebige andere Kunstwerk der Tradition. Die Proportionen, Symmetrien, Farben, Materialien „stimmen“ im klassischen Sinne: Für einen Augenblick trat der „Altmeister“ Beuys freundlich grüßend vor den FLUXUS - Künstler um kurz darauf wieder hinter ihm zu verschwinden. Ich spürte, dass es diese Stimmigkeit war, die Joseph Beuys von seinen Epigonen und Exegeten abhebt. Der Epigone kratzt an der Oberfläche, produziert Fassaden - der Künstler schafft eine im dialektischen Sinne stimmige Welt.

Die aufschlussreichste Lektüre dieser Tage war Mircea Eliades „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“. Information über Schamanismus vermischten sich mit direkt Anschaulichem: Ich fühlte mich zeitweise wie in einem Tempel versetzt, dessen Gottheit das Prinzip der ewigen Wiederkehr symbolisierte, - umgeben von Kultgegenständen wie Skeletten, Hasenhaaren, Blutwurst, deren Enden kreisförmig aufeinanderzeigen (siehe auch die Beuys - Skulptur „Hörner“ und umgeben von dem immer offensichtlicher werdenden Dualitätsprinzip, dem stets ein weiteres (in sich wiederum dualistisch gestaltetes) Element gegenübergestellt wird. Zwei Fettklumpen auf einer doppelten Herdplatte: man fürchtet ihr Hinwegschmilzen. Ich kannte diese Furcht, die aus den Jahren, die ich als Kind auf der Insel Spiekeroog verbrachte, herrührte: es war die Furcht vor dem Wasser, das einen hinauszieht zum Horizont oder das einen in seiner Tiefe verschlingt - die Furcht vor einer Strömung, einem Sog, dem man selbst nichts entgegenzusetzen hat - wo das eigene Handeln außer Kraft gesetzt wird. Es war keine Furcht, die Panik auslöste, vielmehr „angewurzeltes“ Erstaunen: Ich hatte meinen Bezug zu Beuys gefunden.

Im weiteren Verlauf erkannte ich, dass Beuys viele Elemente schamanischer Rituale in seine persönliche Bildwelt übertragen hatte. Es lagen in diesen Vitrinen keine schamanischen Kostüme oder Ähnliches - sondern Luftpumpen, Schlitten, Filzdecken - Dinge, die eine Notstandsatmosphäre erzeugten und auf Beuys eigenen Erfahrungen mit der Vergänglichkeit (Krieg, Flugzeugabsturz etc.) hinweisen mögen. Als jemand, der sich bislang mehr mit griechischer und babylonischer Mythologie beschäftigt hatte, wählte ich für meine Komposition die Geschichte von Adonis und Aphrodite bzw. Attis und Cybele - zwei Göttergestalten, die das ewige Sterben und Wiedergeborenwerden symbolisieren.

Gleich zu Beginn der Arbeit wurde jedoch klar, dass der Name Adonis möglichst nicht im Titel erscheinen sollte - zum einen, weil er so verschieden besetzt ist und als Vegetationsgott wenig bekannt sein dürfte - zum anderen weil die Transposition der Geschichte auf meine persönliche aktuelle Ebene erschwert würde. Ich wählte daher für die Musik Bilder aus meiner Spiekerooger Welt, die das Prinzip von Werden und Vergehen wahrnehmbar machen.

Als Instrumentarium wählte ich die Singstimme und die Trommel wegen Ihren Beziehungen zum Schamanismus - außerdem Klavier und Violoncello als zentrale Instrumente im Beuys’schen Schaffen (z. B. „Infiltration-Homogen für Cello“ und „Hirschdenkmal für George Maciunas“). Die Klarinette steht als Symbol für Wasser.

Anfang Februar war die kompositorische Arbeit in dieser äußerst luxuriösen und anregenden Umgebung abgeschlossen. Reinschrift und Proben konnten beginnen.

Cord Meijering

Weitere Hinweise zur Komposition:
Die Musik „Rotfärbung des Flusses“ hat 7 Sätze. die Satz-Zahl nimmt Bezug auf die magische Bedeutung der Sieben im schamanischen Ritus.

1) Rotfärbung des Flusses (Fluxus - Fließen) deutet auf den Bezug zum Adonismythos in Form eines bewegten Wasserbildes. Als Text für die Singstimme wählte ich ein babylonisches Volkslied über den Tod und die Dürre:

„Eine Tamariske, die im Garten kein Wasser trank...“

sowie eine Beschwörungsformel aus einem schamanischen Unterweltsritual:

„Die Federn haben, können nicht hierher fliegen...“

sowie rituelle Laute und Vokalisen.

2) Klage der Vögel: Im schamanischen Ritus spielten Skelette eine große Rolle für die Wiedergeburt (siehe auch Beuys‘ Zeichnungen von Hirschskeletten etc.). Ich selbst assoziiere in diesem Zusammenhang Skelette halb vom Flugsand verdeckter Vögel. Hierzu kommen die klagenden Großterzrufe der Silbermöwen.

Aphrodite klagt, verwandelt in einen Vogel, um ihren Adonis. „Über sein Dahinscheiden erhebt sie eine Klage“.

3) Ausfahrt - Epitaph für Joseph Beuys: Ausfahrt - Horizont - Ferne - Unendlichkeit - Tod - Dürre.

Dieser kompositorische Abschnitt (Dauer: ca. 4 Minuten) steht für die Bestattung des Adonis, der sich in diesem Falle in die Person Jospeh Beuys verwandelt: zugrunde liegt diesem Teil der Film von Ole John über die „Transsibirische Bahn“.

In diesem Film gibt es einen knapp vierminütigen Auftritt Joseph Beuys‘: Beuys betritt aus Richtung der Kamera kommend den Raum, schlägt einige Male mit dem Fuß und einem Hammer gegen die Holzverschläge der Skulptur, zieht hierauf auf dem Boden eine Linie und verschwindet wieder aus dem Bild.

Bezugnehmend auf die von Beuys entworfenen Grabsteine habe ich versucht, Ähnliches auf musikalische Weise zu gestalten: Mezzosopran, Klarinette und Violoncello intonieren die Töne, die in Beuys‘ Namen vertonbar sind (JOSEPH BEUYS - Es, E, H, B, E, Es) - zwei im kleinen Sekundenabstand ineinandergeschachtelte Tritoni - lamentoartig kreisend. - Auch hier eine zufällige Übereinstimmung mit den Motiven aus „Lamento D’Arianna“ von Monteverdi und dem chilenischen Widerstandslied „El Pueblo unido... „, die der Komponist Dietrich Boekle während seiner Arbeit an seinem „Concerto für großes Orchester“ gefunden hat.

Auf diesen Grabstein aus Klang, diese Klang - „Fläche“, schlägt das Klavier im Rhythmus der Beuysschen Fuß- und Hammerschläge wie mit einem „Klangmeißel“ den Namen Joseph Beuys. Die Fortissimo - Akkorde bestehen wiederum aus den Buchstaben ES, E, H und B. Nachdem ich diesen Satz konzipiert hatte, erfuhr ich - gleichsam als Bestätigung - dass Beuys See-bestattet worden ist. Wasser und Musik: zwei ähnlich ungreifbare, fluktuierende Grabsteine.

4) Gezeitenstrom: Nach dem statischen Satz „Ausfahrt“ über den Tod und die Dürre folgt eine Musik über Ebbe und Flut als Sinnbilder für Strömung, Werden und Vergehen. Alle Hoffnung liebt nun bei Aphrodite, der aus dem Meeresschaum Geborenen. Arienartig „erblüht“ eine Homerische Hymne an die Göttin, die sie bewegen soll, ihren Adonis aus der Unterwelt heraufzuholen.

5) 1962: Ein Satz über die Faszinationskraft des Todes. Zugrunde liegt mein bis heute intensives Erlebnis der Naturgewalten: In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2961 wachte ich auf und fand die tosende Nordsee wenige Zentimeter unter meinem Kinderzimmerfenster. Die sogenannte 2. Julianenflut ließ das Wasser 3,26 m über das mittlere Hochwasser steigen, die Deiche brachen, die Ländereien wurden überflutet - das eigene Haus befand sich inmitten einer brausenden See. In diesem Satz verstummt die Singstimme. Übrig bleibt der Gesang der Natur.

6) Flugsand: Zephyros, der Westwind, bewirkt eine Wanderung der Nordseeinseln von Westen nach Osten, indem er den Sand im Westen wegnimmt und ihn im Osten wieder heranwirft. Er treibt den Sand vor die Strandhaferhalme und lässt so die Dünen wachsen, oder er zerstört sie mit unermesslicher Gewalt. Die Singstimme bringt Vokalisen und am Ende des Satzes eine gesprochene schamanische Zauberformel:

„Mein ganzer Körper ist nichts als Augen...“

7) Das Fest der weinenden Frau: Der letzte Satz nimmt wieder Bezug auf den ersten Satz und schafft somit eine dem Jahreslauf analoge kreisförmige Gesamtgestalt. Die Worte „Fest“ und „weinend“ deuten auf einen Widerspruch: der Sage nach schritt eine Frauenprozession hinunter zum Meer und warf das Bildnis des Adonis ins Wasser. Die dabei vergossenen Tränen der Frauen waren nicht nur Ausdruck der Trauer, sondern auch der Freude über die bevorstehenden Auferstehung des geliebten Adonis.

Cord Meijering

Texte zu ROTFÄRBUNG DES FLUSSES
1) ROTFÄRBUNG DES FLUSSES a) „Eine Tamariske, die im Garten kein Wasser trank,
Deren Krone auf dem Felde keine Blüten getragen,
Eine Weide, die sich am Bach nicht ergötzte,
Eine Weide deren Wurzeln ausgerissen waren,
Ein Kraut, das im Garten kein Wasser getrunken hatte.“
(Babylonisches Klagelied)

b) „Die Federn haben, können nicht hierher fliegen,
die Krallen haben, können nicht hierher kommen;
du schwarzer abscheulicher Käfer, wo kommst Du her?!“
(Worte Erlik Khans, König der Toten,
bei der Ankunft des Schamanen in der
Unterwelt. Altaische Höllenfahrtzeremonie)

2) KLAGE DER VÖGEL
Über sein Dahinscheiden erhebt sie eine Klage,
„O mein Kind“ über sein Dahinscheiden erhebt sie eine Klage.
„Mein Damu“ über sein Dahinscheiden erhebt sie eine Klage.
„Mein Zauberer und Priester!“
über sein Dahinscheiden erhebt sie eine Klage,
Über die leuchtende Zeder, die da wurzelt in weitem Felde,
zu Eanna, in Höhen und Tiefen, erhebt sie eine Klage.
Gleich der Klage, die ein Haus erhebt um seinen Herrn, erhebt sie eine Klage.
Gleich der Klage, die eine Stadt erhebt um ihren Herrn, erhebst sie eine Klage.
Ihre Klage ist die Klage um das Korn, das nicht in der Ähre wächst.
Ihre Kammer ist ein Besitz, der Besitz nicht hervorbringt,
Eine müde Frau, ein müdes Kind, ermattet.
Ihre Klage geht um einen großen Strom, wo keine Weiden wachsen,
Ihre Klage geht um ein Feld, wo Korn und Gräser nicht wachsen.
Ihre Klage geht um einen Teich, wo Fische nicht gedeihen.
Ihre Klage geht um eine Schilfdickicht, in dem Schilf nicht wächst.
Ihre Klage geht um Wälder, in denen Tamrisken nicht wachsen.
Ihre Klage geht um eine Wildnis, wo Zypressen nicht wachsen.
Ihre Klage geht um das Dunkel eines Gartens voller Bäume, wo Honig und Wein nicht gedeihen.
Ihre Klage geht um Wiesen, auf denen Pflanzen nicht wachsen.
Ihre Klage geht um einen Palast, wo des Lebens Länge nicht zunimmt.“
(Babylonisches Klagelied)

3) AUSFAHRT - EPITAPH FÜR JOSEPH BEUYS
Vokalise


4) GEZEITENSTROM (Homerische Hymne an Aphrodite)
Aphrodite, die goldbekränzte, schöne, besing ich,
Sie, die rings die Höhen des meerumflossenen Kypros
Alle beherrscht, wohin sie des Zesphyrs schwellender, feuchter Windhauch über die Wogen des lautaufrauschenden Meeres
Trug im schmeichelnden Schaum. Die Horen im goldenen Stirnreif Nahmen sie freudig auf, sie hüllend in göttliche Kleider,
Taten ihr auf das unsterblich Haupt den prächtigen, goldenen, schöngefertigten Kranz, und in die durchstochenen Ohren
Fügten sie Blüten aus Messing und aus gepriesenem Golde.
Ihren zarten Hals und den silberschneeigen Busen
Schmückten sie mit goldenemGeschmeide, mit dem sie ja selber Prangen, die Horen im goldenen Stirnreif, wenn zu der Götter
Lieblichem Reigen sie schreiten und zu dem Hause des Vaters.
Aber nachdem sie mit Schmuck den Leib der Göttin umkleidet,
Führten sie zu den Unsterblichen sie. Die sahen sie, boten
Freudig zum Willkomm ihr die Hände, und jeglicher wünschte
Sie als ehlich Weib zu seiner Behausung zu leiten,
Staunend über die Schönheit der veilchenbekränzten Kythere.
Heil dir, du Augenschöne, du Liebliche. Lass mich im Wettkampf
Hier den Sieg erringen, gib Segen meinem Gesange.
Ich aber werde deiner und andrer Gesänge gedenken.
(deutsche Übersetzung: Thassilo von Scheffer)

5) 1962
instrumental

6) FLUGSAND „Mein ganzer Körper ist nichts als Augen. Schaut ihn an! Habt keine Angst!
Ich schaue nach allen Seiten!“
(Zauberformel eines Eskimoschamanen)

7) DAS FEST DER WEINENDEN FRAU
Vokalise